Vor 10 Jahren: Tornadoserie in Norddeutschland

Ende März 2006 wurde Norddeutschland von einer Tornadoserie getroffen, bei der zwei Menschen starben und erhebliche Schäden auftraten. Noch am 18. März 2006 herrschte in vielen Teilen Deutschlands Dauerfrost. Danach stellte sich die Wetterlage rasch um und mit südwestlicher Strömung gelangte feuchtmilde Luft nach Deutschland, in der sich am Nachmittag des 27. März über dem westlichen Niedersachsen kräftige Gewitter bildeten, die nach Nordosten zogen. Beim Durchzug der Gewitter richteten mindestens 8 Tornados erhebliche Schäden in Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg an. Dazu kommen noch sechs Verdachtsfälle, die bis heute nicht geklärt werden konnten.

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Tornado in Hamburg-Harburg, Kurzschluss in Stromleitung (helles Aufblitzen, Foto: Martin Kunkel)

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Wenige Sekunden später: Stromausfall und alle Lichter aus (Foto: Martin Kunkel)

Von den bisher acht ermittelten Tornados erreichten zwei die Stärke F2 auf der Fujita-Skala, die Windgeschwindigkeiten lagen damit zwischen 180 und 255 km/h. Fünf weitere Tornados hatten die Stärke F1 (118 bis 180 km/h) und bei einem konnte die Stärke über offenem Feld nicht ermittelt werden. Die beiden stärksten Tornados traten in Hamburg-Harburg und in dem schleswig-holsteinischen Ort Segrahn nahe der Grenze zu Mecklenburg auf. In Hamburg stürzten durch einen F2-Tornado gegen 19 Uhr mehrere Baukräne um und zwei Kranführer kamen tragischerweise ums Leben. Die Schäden im Harburger Stadtgebiet gingen in die Millionen. Der Tornado zerstörte unter anderem eine Bootshalle, in der teure Jachten lagerten. Dachteile der Halle landeten in einer Stromleitung und durch Kurzschlüsse fiel der Storm in mehreren Hamburger Stadtteilen stundenlang aus. Etwa 300.000 Haushalte waren betroffen. Allein die Reparatur der Stromleitungen kostete etwa 5 Millionen Euro. Durch die Notbremsung einer voll besetzten S-Bahn kurz vor dem heranziehenden Tornado konnte auf den Harburger Elbbrücken eine noch größere Katastrophe verhindert werden.

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Tornadoschäden in Hamburg: Dachteile in Stromleitung, umgestürzte Baukräne auf einer Baustelle (Fotos: Jens Seemann)

Der andere F2-Tornado überquerte knapp eine Stunde später die vielbefahrene Autobahn A24 Hamburg – Berlin, wo alle Fahrzeuge zum Glück rechtzeitig zum Stehen kamen. Der Tornado hinterließ eine vier Kilometer lange Schneise der Zerstörung in einem Waldgebiet, bevor er auf den kleinen Ort Segrahn traf. Hier gab es Schäden an zahlreichen Gebäuden, der Tornado schwächte sich aber schon etwas ab. Die weiteren Tornados wurden zwischen 17 und 20:15 Uhr bei Esenshamm an der Unterweser, bei Delmenhorst/Bremen, bei Buchholz in der Nordheide, nahe Tostedt, in Ehestedt und im mecklenburgischen Roggendorf beobachtet. Auslöser war eine Kaltfront, vor der sich die kräftigen Gewitter bildeten, darunter mehrere so genannte Superzellen – langlebige und kräftige Gewitter mit beständig rotierendem Aufwindbereich. Im Bereich der Gewitter traten neben den Tornados auch Starkregen, Hagel und schwere Sturmböen auf.

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Bestätigte Tornados und Tornadoverdachtsfälle am 27.03.2006 (V = Verdachtsfall)

Eine solche Tornadoserie nennt man auch „Tornadoausbruch“ (amerikanisch: tornado outbreak). Von einem Tornadoausbruch spricht man, wenn zahlreiche Tornados innerhalb einer bestimmten Zeitspanne in einem räumlich begrenzten Gebiet auftreten. Die Tornadobildungen sind dabei sämtlich an eine Wetterlage gebunden. Nach der heutzutage gebräuchlichsten Definition wird das Auftreten von 6 oder mehr Tornados in einem begrenzten Gebiet in wenigen Stunden als Ausbruch bezeichnet. Nach der Britannica Online Encyclopedia handelt es sich bei 6 bis 9 Tornados um einen schwachen, von 10 bis 19 um einen mittleren und ab 20 Tornados um einen starken Ausbruch. Bei der Tornadoserie am 27.03.2006 handelte es sich also um einen kleinen Tornadoausbruch.

Große Tornadoausbrüche mit manchmal mehr als 100 Tornados sind fast nur aus den USA bekannt. Am 27. April 2011 wurden nach ersten Untersuchungen bei einem Ausbruch mindestens 226 bestätigte Tornados gezählt, weitere Verdachtsfälle werden untersucht. Der stärkste europäische Tornadoausbruch erfolgte am 23. November 1981 mit 105 Tornados auf den Britischen Inseln. Diese genaue Zahl wird zwar in Fachkreisen zum Teil angezweifelt, aber es dürfte trotzdem der größte bekannte Ausbruch in Europa sein. Auch in Deutschland gab es schon einige Ausbrüche. Die meisten Tornados brachte nach den bisher bekannten Zahlen die Gewitterlage am 20. Mai 2006 hervor. Damals überquerte eine Gewitterfront von Westen her vor allem die zentralen Teile Deutschlands von Nordrhein-Westfalen bis nach Sachsen. Insgesamt sind bislang mindestens 13 Tornados bestätigt

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Tornadowarnungen gab es damals in Deutschland kaum, am 27. März 2006 erreichten jedenfalls keine solchen Warnungen die betroffene Bevölkerung. Zehn Jahre später bieten sich ganz andere Möglichkeiten. Jede/r kann sich inzwischen selbst auf hoch aufgelösten Radarbildern und aktuellen Blitzkarten anschauen, wo gerade Gewitter unterwegs sind. Und mit etwas Übung kann man zumindest im Bereich kräftiger Gewitter sogar erkennen, ob ein Tornado droht. Lesen Sie dazu die Anleitung: Wie erkenne ich einen Tornado in den Radarbildern? Und wenn man tatsächlich einen Tornado auf sich zuziehen sieht? Dazu gibt es sehr gute Hinweise in einem Video der Kollegin Rebekka: Wie verhält man sich richtig, wenn ein Tornado in Sicht ist?


 

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2 Kommentare

  1. Friedel Steinmueller 1. April 2016

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