Der Massenunfall auf der A71 vom 28. 4. 2019 – eine Anamnese

Kurz nach Mittag fuhren auf einem nicht geschwindigkeitsbegrenzten Teilstück der A71  Dutzende von Autos ineinander. Die Unfallstelle wird durch die Polizei in Thüringen mit diesem Link angegeben

So berichtete der MDR zuletzt, zum Glück kam niemand ums Leben.

Der folgende Text zeigt, was um wieviel Uhr passiert ist und wie  die kolportierte „plötzliche“ Glätte einzuschätzen ist.

Wir beginnen mit um 11.45 Uhr mit dem ersten Radarbild, es ist noch trocken, die spätere Unfallstelle ist rot eingerahmt. Alle Radarbilder stammen aus unserer Radar-App Pflotsh Storm

 

Zehn Minuten später näherte sich von Westen her ein Regenschauer:

Um 12 Uhr hat der Regen an der Unfallstelle gerade angefangen:

Zu diesem Zeitpunkt betrug die Fahrbahntemperatur am Unfallort 15 Grad (die Zahl südlich von Schwarza, Klick für genauen Wert)

https://kachelmannwetter.com/de/autobahn/schmalkalden-meiningen/belagstemperatur-spur/20190428-1000z.html

 

Um 12.05 Uhr herrschte starker Regen an der Unfallstelle:

 

Aufgrund der gelben Signatur im Radarbild, die Starkregen oder Schlimmeres bedeuten kann, warf das Warn-Tool www.meteosafe.com um 12.05 Uhr für den 10-15 Minuten später betroffenen Autobahnabschnitt

eine Aquaplaning-Warnung aus (orangefarbener Rahmen – die Zeiten sind Weltzeit UTC, also zwei Stunden rückwärts):

 

Um 12.10 Uhr begann es an der Unfallstelle zu graupeln, dies sieht man einerseits an der stärkeren Intensität im Radarbild (Stufe gelb):

 

Andererseits sprang auch das interne Hagelwarn-Tool für den Standort erstmals an:

 

Um 12.15 Uhr wurde der Graupelschauer ortsfest und deutlich stärker:

 

Das Hagel-Tool warf nun Eiskorn-Durchmesser von über 0,5 cm aus, der Graupelschauer wurde zum Hagelschauer:

Kachelmannwetter Screenshot

 

Gleichzeitig begann die Fahrbahntemperatur mit dem Beginn einer Eisdecke zu sinken, noch 13 Grad:

https://kachelmannwetter.com/de/autobahn/schmalkalden-meiningen/belagstemperatur-spur/20190428-1015z.html

Bis 12.20 war dann die Autobahn mit Hagelkörnern bedeckt, die Intensität erreichte ihren Höhepunkt:

 

Hagel-Tool:

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat es gekracht. Seit 20 Minuten war die Fahrbahn am Unfallort nass, seit 15 Minuten sehr nass, seit 10 Minuten fiel für jeden Autofahrer laut und vernehmbar Eis vom Himmel. Die Sicht lag seit 10 Minuten aufgrund der Niederschlags-Intensität bei wenigen Hundert Metern.

Um 12.25 hagelte es noch weiter, um 12.30 setzte sich der Schwerpunkt erstmals nördlich ab:

Die Fahrbahn war nun vollständig hagelbedeckt, die Fahrbahntemperatur selber lag noch bei +1 Grad:

https://kachelmannwetter.com/de/autobahn/schmalkalden-meiningen/belagstemperatur-spur/20190428-1030z.html

Um 12.40 war der Hagel vorbei, aber es regnete.

 

Durch die grossen Mengen an schmelzendem Eis auf der Fahrbahn lag die Oberflächentemperatur um 12.45 Uhr bei 0 Grad

https://kachelmannwetter.com/de/autobahn/schmalkalden-meiningen/belagstemperatur-spur/20190428-1045z.html

und, obwohl schon lange alles vorbei war, um 13 Uhr immer noch auf dem Gefrierpunkt:

https://kachelmannwetter.com/de/autobahn/schmalkalden-meiningen/belagstemperatur-spur/20190428-1100z.html

Die grossen Mengen an schmelzendem Eis führten dazu, dass nicht zum Unfallzeitpunkt, aber etwa zum Eintreffen der Hilfskräfte auch die Fahrbahn vorübergehend selber eisglatt wurde.

Erst um 13.15 Uhr stieg die Fahrbahntemperatur an

https://kachelmannwetter.com/de/autobahn/schmalkalden-meiningen/belagstemperatur-spur/20190428-1115z.html

Erst um 14.45 Uhr war der Schmelzwasser-Einfluss nicht mehr zu sehen.

https://kachelmannwetter.com/de/autobahn/schmalkalden-meiningen/belagstemperatur-spur/20190428-1245z.html

 

Fazit:

Die Hageleis-Glätte kam nicht „plötzlich“, sondern wurde durch eine ortsfeste Schauerzelle verursacht. Rund 10-15 Minuten lang hat es erst immer stärker geregnet, dann immer mehr gegraupelt/gehagelt und gleichzeitig sank auf eine Sichtweite nahe Null.

Die Unfallstrecke ist nicht durch ein Tempolimit beschränkt. Das führt regelmässig dazu, dass Autos auf solchen Strecken signifikant schneller fahren bei für diese Bedingungen völlig ungeeigneten Geschwindigkeiten.

So war auch auf der A71 wie immer nichts plötzlich, sondern nur der übliche Effekt, wenn viel zu schnell gefahren wird, weil man es kann.

Oder wie manche Politiker es nennen: „Freiheit“.