
So gut waren die Unwetter mit Tornados am 19.08.2026 wirklich vorherzusagen
Am Mittwoch, den 19.08.2026 gab es in Teilen Deutschlands eine Unwetterlage durch schwere Gewitter. Mit Schwerpunkt in einem Streifen vom nördlichen Rheinland-Pfalz über Mittelhessen bis Thüringen kam es zu großen Schäden durch Tornados und extreme Fallböen. Verantwortlich war besonders eine sehr langlebige Superzelle.
Man muss schon sagen, dass es auch für mich als Meteorologe ein ganz besonderer Unwettertag war. Insgesamt war die Wetterlage an diesem Mittwochmorgen nicht ganz einfach zu beurteilen. Dass über der großen Mitte Deutschlands von West nach Ost etwas in Sachen Unwetter passieren wird zeichnete sich zwar ab, aber wie heftig genau, war mit ein paar Fragezeichen behaftet.
Die Wetterlage
Über Deutschland lag eine Art Luftmassengrenze, die sehr warme bis heiße Luft im Süden von mäßig warmer bis kühler Luft im Norden und Nordwesten trennte. Entlang dieser Luftmassengrenze sollte zum Abend hin bis in die Nacht auf Donnerstag ein kleines Randtief ziehen und diese „Grenze“ aktivieren und für kräftige Gewitter sorgen. Am Mittwochmorgen sahen die Wettermodelle die große „Musik“ noch ein Stückchen weiter südlich, als es dann am Abend wirklich kam. Zum Mittwochmittag hin war zu beobachten, dass die Nowcast-Modelle (das sind Wettermodelle die stündlich mit neusten Daten aktualisiert werden), die schweren Gewitter immer nördlicher rechneten. Der Fokus rückte mehr auf die Bereiche im nördlichen Rheinland-Pfalz, Mittelhessen und Thüringen. Aber was drohte genau? Es war eine Kombination aus ungewöhnlich starker Windscherung und nicht besonders hoher Labilität (die verfügbare Energie für Gewitter). Diese Lagen sind immer schwierig. Einerseits passiert ohne ausreichend Labilität nicht viel, andererseits ist starke Windscherung der Player für schwere Gewitter, Superzellen und Tornados. Windscherung bedeutet, dass der Wind mit der Höhe seine Richtung und Stärke ändert. Das ist ausschlaggebend für Tornados. Nicht diverse Märchen, wie das Zusammenprallen von kalter und warmer Luft.
Das Nowcasting – das A und O bei Unwettern
Aufgrund viel Schwachsinn bei Wettervorhersagen, der von 30-Tage-Ortsvorhersagen in Wetter-Apps bis hin zu den alljährlichen Eiswinter-Vorhersagen im Herbst reicht, wissen viele Menschen scheinbar nicht mehr, was bei der Wettervorhersage wirklich möglich ist und wo auch heute noch Grenzen sind. Bei Unwetterlagen ist das Nowcasting das aller wichtigste! Nowcasting bedeutet, dass ich als Meteorologe an einem Unwettertag die ganze Zeit die Wetterlage im Auge behalte, die neusten Wettermodelle schaue und informiere, was in den kommenden Stunden und Minuten wo zu erwarten ist. Es ist bei Unwettern nicht damit getan morgens einen Wetterbericht zu schauen. Es können sich auch wenige Stunden vorher noch Änderungen ergeben und ob am Nachmittag die Superzelle über Gießen oder Marburg zieht, lässt sich morgens auch nicht sagen – erst maximal 1 bis 2 Stunden vorher. Was übrigens als Vorwarnzeit ausreicht, damit niemand sterben muss. Ab dem Mittwochmittag verschärften die Nowcast-Modelle also die Wetterlage und mir war klar, dass ich bei Kachelmannwetter zum Abend einen Livestream machen werde.
Die Superzelle – schlimmer geht nimmer
Es ergaben sich also immer bessere Bedingungen für starke Superzellen in einem Streifen vom nördlichen Rheinland-Pfalz über Mittelhessen bis nach Thüringen. Superzellen sind rotierende Gewitter, bei denen die Begleiterscheinungen das obere Ende erreichen können. Großhagel, Orkanböen und Tornados. Lebensgefahr. Und so eine Superzelle bildete sich an diesem Mittwochabend und zog von Belgien bis nach Thüringen. Das Gewitter zeigte durchgehend eine starke Mesozyklone, einen konstant und hochreichend rotierenden Aufwind. Derartig langlebige und starke Superzellen, inklusive mehrerer Tornados, sind bei uns nicht ganz so häufig. Wahrscheinlich sorgte nur die späte Tageszeit dafür, dass nicht mehr Menschen auf der Straße waren und es mit großem Glück nicht viele Verletzte und Tote gab.
Hier erklären wir genau was eine Superzelle ist (Erklär-Video)
Wie erkennt man Tornados in Radardaten?
Das Regenradar ist allgemein bekannt. Aber dass die Radarstationen noch viel mehr können, als nur zu zeigen wo es regnet, wissen wohl die wenigsten. Die Radardaten messen nämlich auch welche Windgeschwindigkeiten im Niederschlag herrschen und vor allem in welche Richtung der Wind weht. So lassen sich mit Daten aus dem Doppler-Radar auch rotierende Gewitter und (wie in unserem Fall) bei starken Superzellen sogar Tornados ziemlich gut erkennen.
Wie man im Livestream an meiner Reaktion auf die Daten im Doppler-Radar unschwer erkennen konnte, war es selten beeindruckend, wie klar die Tornado-Signaturen waren. Das Rosa und hellblau so dicht beieinander, sind ein extrem starkes Signal für einen Tornado! Unten das Beispiel vom Tornado in Höhr-Grenzhausen.

Das Tornado-Doppler-Radar – wie erkenne ich einen Tornado (Erklär-Video)
Ich startete den Livestream auf unserem Youtubekanal um kurz vor 18 Uhr, als sich die erste Superzelle in Belgien bildete. Ich habe ein paar „Highlights“ im folgenden Kurzvideo zusammengeschnitten.
Zu Beginn erläuterte ich direkt das Kachelmannwetter-Nowcast-Modell, was nun mit dem speziellen Superzellen-Index den Schwerpunkt von Nord RLP/Westerwald über Mittelhessen bis Thüringen in den kommenden 1 bis 4 Stunden rechnete. In den Fokus rückt bei so einer Wetterlage immer der nördliche Bereich, der Übergangsbereich.

Im Grunde lässt sich alles im über fünfstündigen Livestream noch einmal verfolgen, ich zeige aber anhand der Daten von Kachelmannwetter, wie früh und gut die Superzelle zu erkennen war und wann einige schwer betroffene Regionen gewarnt wurden.
Westerwaldkreis – Höhr-Grenzhausen
Unten ist das sogenannte Stormtracking von 18:25 Uhr und 18:55 Uhr zu erkennen. Damit werden Gewitter erfasst, ihre Stärke analysiert und die weitere Zugrichtung berechnet. Bei Kachelmannwetter werden unzählige Radardaten ausgewertet und neben der Hagelgröße, wird auch das Doppler-Radar auf Rotation geprüft. Die Superzelle, um 18:25 Uhr von der Eifel kommend, zeigte immer wieder einen violetten Rotationsmarker der höchsten Stufe! Sehr starke Rotation, Tornadogefahr! Das Nowcast-Modell (oben) liegt wohl richtig! Sie zieht in den Westerwald und nach Mittelhessen!

Um 18:55 Uhr gab es die erste Unwetterwarnung aus dem Stormtracking für Höhr-Grenzhausen, inklusive eines möglichen Tornados. Etwas mehr als 30 Minuten vor dem Unwetter.

Solms – Lahn-Dill-Kreis
Um 19:25 Uhr gab es die erste Unwetterwarnung aus dem Stormtracking für Solms, inklusive eines möglichen Tornados. Etwas mehr als 35 Minuten vor dem Unwetter.

Schlitz – Vogelsbergkreis
Um 20:05 Uhr gab es die erste Unwetterwarnung aus dem Stormtracking für Schlitz, inklusive eines möglichen Tornados. Etwas mehr als 40 Minuten vor dem Unwetter.

Das Stormtracking und entsprechende Warnungen können bei Kachelmannwetter jederzeit kostenlos verfolgt werden. Zudem gibt es den Informationsdienst Meteosafe mit Benachrichtigungen.
Abschließende Worte
Es wird hoffentlich nie der Tag kommen, wo an einem heißen Samstagnachmittag eine tornadische Superzelle durch eine Großstadt zieht. Da wir aber besser nicht auf das Prinzip Hoffnung setzen sollten, sollten wir uns besser auf diesen möglichen Tag vorbereiten. Wir können mit heutiger Technik auch dann alle Menschen noch in Sicherheit bringen, da starke Superzellen sich in gut aufbereiteten Radardaten perfekt erkennen lassen und ihre Zurichtung somit vorhersagen lässt. Wir werden nie ein abgedecktes Haus verhindern können, aber wir können Leben retten.









Hallo Fabian,
Danke für den sehr interessanten und lehrreichen Bericht. Ich war auch ca. 2 Stunden live dabei und war beeindruckt, wie schnell du die entsprechenden Stellen entdeckt hast. Weiter so! Ihr macht einen tollen Job.
Nette Grüße aus dem Westmünsterland
Wirklich super Sache. Ich verfolge das Wetter auf diesem Kanal ebenfalls gerne und oft. Wegen des Hinweises „Westmünsterland“… Aus welchem Ort bzw. Stadt genau? Wäre interessant zu wissen. Ich bin nämlich selbst aus Legden.
Hallo Fabian,
super erklärt und aufbereitet! Ich bin zwar aus einer anderen Gegend (Schwäbisch-Fränkischer Wald), habe den Livestream aber auch sehr lange verfolgt. Sehr spannend.
Zum Thema Tornados war auch der Podcast von Kachelmann + Häckl interessant. Leute, schaut euch das an. Und dann sucht mal im Internet nach Tornado Pforzheim 1968. Da laufen einem die Augen über. ICH werde jedenfalls künftig mit Hund und Katz‘ im Keller verschwinden, sollte sowas hier im Anmarsch sein.
Vielen Dank + weiter so!
Super Analyse und wie immer ein toller Livestream , wie gesagt man kann nur hoffen das sowas nie in einer Großstadt mit vielen Menschen passiert weil das gibt eine Katastrophale Situation. Ich bin schon sehr lange Abonnent der Kachelmannwetter AG und für mich gibt es keinen besseren Wetterservice als eure Daten , ebenso ein großes Danke an Jörg, Lars und dich, Fabian. Lg Tobias von der Meteoleitstelle Aachen/Eifel
Hallo Fabian, Hallo gesamtes Kachelmann Team!
Was soll ich sagen, wie immer perfekt und kompetent auf den Punkt gebracht. Nur eine Sache dazu: ich hoffe sehr, dass der Beitrag hier ausschließlich der Erklärung und Prävention dient, um zu verdeutlichen, was geht und was eben leider auch noch nicht geht. Keinesfalls müsst Ihr und euer Team euch für irgendetwas rechtfertigen oder euch erklären. Das was ihr jeden Tag und besonders in solchen Lagen leistet, geht weit über das erwartbare hinaus. Dankbarkeit muss daher die Devise sein und immer wieder auch Demut vor dem, was „Wetter“ für uns alle bedeuten kann – Dank euch aber immer rechtzeitig gewarnt!