Funnelcloud-Tornado-Irrtum

Gestern in den Abendstunden gab es einen Tornado in einem Stadtteil von Hamburg.

Von ihm gibt es auch ein Video, genauso wie ein Zeitraffer von der Enstehung der Funnelcloud bis zu deren Ende. Letzteres Video, weil wahrscheinlich für die Medien viel eindrucksvoller, wird nun über Beiträge auf Twitter und Facebook verbreitet, meist sinngemäß mit der Überschrift „Tornado fegt durch Hamburg“. Und sofort heißt es in den Kommentaren: „Das ist kein Tornado, sondern eine Funnelcloud“ – es kommt einem fast so vor, als bestünde Deutschland nur aus Tornado-Experten. Ich komme jedenfalls aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus und hoffe, dass die Fußball-EM jetzt schnell anfängt und alle wieder zu Bundestrainern werden.

Auf die ganz blödsinnigen Kommentare von wegen Windrose (was etwas ganz anderes ist) und Windhose (was das gleiche ist wie ein Tornado) will ich jetzt gar nicht eingehen, sondern auf den von den selbsternannten Experten verbreiteten Irrglauben, dass eine Funnelcloud immer bis zum Boden reichen müsste, damit es sich um einen Tornado handelt. Das ist nämlich völliger Blödsinn!

Tornado = Wind / Funnelcloud = Wolke

Eine Funnelcloud ist einfach nur eine Wolke, als Tornado bezeichnet man einen kleinräumigen Luftwirbel mit annähernd senkrechter Drehachse, der vom Boden durchgehend bis zur konvektiven Wolke reicht. Ein Tornado ist also ein Luftwirbel und da Luft für uns unsichtbar ist, kann man auch einen Tornado nicht sehen! Man braucht etwas, was den Wirbel, also den Tornado sichtbar macht. Das können Staub, Dreck oder Trümmerteile (in beliebten Katastrophen-Filmen auch mal eine Kuh) sein oder eben besagte Trichterwolke, die bis zum Boden auskondensiert ist. Das sind alles Dinge, die einen Tornado sichtbar machen können; können nicht müssen!

Es gab durchaus auch schon Tornados, die überhaupt keine Funnelcloud hatten. Ein Beispiel dafür findet sich auf der Webseite des Amerikanischen Wetterdienstes. Wenn der Druckabfall im Innern des Tornados nicht sehr stark ist und/oder die Luft unterhalb der Wolkenbasis sehr trocken ist, dann kann die Trichterwolke auch durchaus mal komplett fehlen. Auch dass eine nicht bis zum Boden auskondensierte Funnelcloud nur bei schwächeren Tornados vorkommt stimmt nicht. Der bekannte Tornado vor einigen Jahren in Micheln (Sachsen-Anhalt) hatte zu keinem Zeitpunkt eine bis zum Boden sichtbare Funnelcloud, erreichte aber trotzdem die Stärke F3 und richtete immense Schäden an.

Worauf ich hinaus will – und was ihr euch merken müsst – eine Funnelcloud ist eine Wolke, ein Tornado ist ein Wind. Der Wind muss den Boden erreichen, nicht die Wolke, damit es sich um einen Tornado handelt. Eine sichtbare Funnelcloud ist nicht harmlos, sondern darunter besteht immer akute Tornadogefahr. Der Tornado kann schon längst im Gange sein, bevor die Funnelcloud zu sehen ist. Funnelclouds immer direkt melden, am besten über Skywarn, da bekommen es auch zeitnah alle Wetterdienste.

Wer vor einigen Wochen mal über den großen Teich geschaut hat, hat das bei der Live-Sondersendung im Fernsehen sehr schön sehen können. Eine Tornado-bewarnte Zelle bei Norman, Oklahoma und ein Hubschrauber der Live-Bilder lieferte von dem was unter der Wolke passierte. Obwohl noch kein Ansatz einer Funnelcloud zu sehen war, blitze am Boden immer mal wieder ein schwacher Wirbel auf. Der Meteorologe im Studio erklärte das auch wunderbar den Leuten.

live-stream-oklahoma

Übrigens: liebe ARD, liebes ZDF, so wie in diesem Bild sieht eine Berichterstattung aus, die im Artikel #Hochwatergate gemeint war: erzählen was gerade passiert, wo die Gefahr dabei ist, was zu tun ist, wenn man in der betroffenen Region wohnt, etc. – keine Nachberichterstattung von mit Gummistiefeln im Wasser stehenden Reportern.

Hinweis: Das Titelbild zeigt einen Tornado vom 10.August 2014 bei Echzell (Hessen). Die Trichterwolke ist auch nicht komplett auskondensiert, anhand des aufgewirbelten Staubs erkennt man aber deutlich den Bodenkontakt.

Ein Kommentar

  1. Mike 9. Juni 2016

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