Was sind Leiterseilschwingungen?

Bei winterlich kaltem und windigem Wetter ist in den Wettervorhersagen in seltenen Fällen die Rede von Leiterseilschwingungen. Sie können zu massiven Stromausfällen führen und haben in der Vergangenheit schon mehrmals in Deutschland ganze Landstriche tagelang von der Stromversorgung abgeschnitten. Was sind nun solche Leiterseilschwingungen und wie entstehen sie?

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Unter einem Leiterseil versteht man eine Leitung, die für den Transport von Strom verwendet wird. Sie ist mit Hilfe von Isolatoren an Strommasten aufgehängt und besteht meist aus Aluminium mit einem Stahlkern. Zwischen den Strommasten hängen die Leitungen durch; dieser Effekt kann durch meteorologische Einflüsse verstärkt werden, wenn sich gefrierender Regen, nasser Schnee oder Reif an den Leitungen festsetzt. Bei starkem Wind können die Leiterseile in Schwingungen geraten.

Leiterseilschwingungen kommen am ehesten bei Lufttemperaturen zwischen etwa plus 0,5 Grad und minus 3 Grad vor. Der Wind sollte im Mittel Stärke 5 oder mehr erreichen. Dann kann er die Leiterseile nicht mehr so leicht umströmen und es bilden sich Wirbel, die die Stromleitungen zum Schwingen bringen. Die Schwingungen verstärken wiederum die Wirbel und das Ganze schaukelt sich weiter auf, bis im schlimmsten Fall die Leitungen reißen.

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Eislast an einem Leiterseil im November 2005, Foto: Klaus Bingel

Solche Leiterseilschwingungen traten zum Beispiel Ende November 2005 im Münsterland auf, wo gebietsweise bis zu 40 Zentimeter nasser Schnee fielen und eine tonnenschwere Last an den Leiterseilen hing. An vielen Stellen hingen die Stromleitungen nahezu bis zum Boden hinab. So musste die Autobahn A31 wegen der herabhängenden Stromleitungen komplett gesperrt werden, Tausende Menschen mussten stundenlang auf der Autobahn ausharren. Örtlich rissen die Leitungen und durch die einseitige Belastung stürzten reihenweise Strommasten um. Zeitweise waren mehr als 250.000 Menschen ohne Strom.

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Tief herab hängende Stromleitungen im November 2005, Foto: Klaus Bingel

Auch im Winter 1978/79 wurden Leiterseilschwingungen zu einem großen Problem. Zum Jahresende 1978 stellte sich eine Grenzwetterlage ein mit sehr kalter Luft in Norddeutschland und gleichzeitig subtropischer Warmluft im Süden An der Grenze der sehr unterschiedlichen Luftmassen fielen tagelang anhaltende Niederschläge, die auf der kalten Seite meist als Schnee, zeitweise aber auch als gefrierender Regen fielen. Durch stürmischen Ostwind mit örtlich sogar orkanartigen Böen traten Leiterseilschwingungen auf und es gab weitreichende Stromausfälle. In Schleswig-Holstein fiel in 66 Orten meist tagelang der Strom aus, Zehntausende Menschen und viele landwirtschaftliche Betriebe waren betroffen. Aus milderer Luft in größeren Höhen war damals Regen in die Kaltluftschicht gefallen, gefror aber erst beim Auftreffen auf Bäumen und Stromleitungen. Auf einem frei hängenden Kabel von 70 Metern Länge konnte so leicht eine zusätzliche Last von drei bis vier Zentnern Eis entstehen. Auch damals stürzten Strommasten um, weil die sonst genau ausgeglichene Belastung einseitig wurde und an den Masten zog. Zusätzliche Schwierigkeiten bereitete damals der anschließend fallende Schnee mit massiven, oft meterhohen Verwehungen und selbst mit Bergepanzern der Bundeswehr waren die Schadstellen kaum erreichbar. Die Stromgesellschaft setzte unter den extremen Bedingungen 18 Hubschrauber ein, um Teams zu den betroffenen Stromleitungen zu bringen. Unter dem Schnee waren die gerissenen Leitungen manchmal kaum aufzufinden.

Seit dem Münsterland-Unwetter wird auch vor Leiterseilschwingungen gewarnt, zumal sie nur selten vorkommen. Verhindern lassen sie sich allerdings nicht.

 

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Ein Kommentar

  1. Michael Perrot 12. Januar 2017

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