Seebären – Tsunamis in der Nordsee?

Immer wieder treten an einzelnen Küsten meterhohe und plötzliche, tsunamiartige Wellen auf, selbst bei recht ruhiger See und ohne Erdbeben oder Hangrutsch als Ursache. Sie sind wegen der meteorologischen Ursachen als Meteotsunamis bekannt. Weniger bekannt ist, dass es diese Wellen auch in Nord- und Ostsee gibt. Sie kommen hier als so genannte „Seebären“ selten vor, können aber im Ausnahmefall an der Küste mehrere Meter hoch sein und Schäden anrichten. Meist werden sogar mehrere Wellen beobachtet, von denen die erste meistens die höchste ist.

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Das Phänomen ist nicht neu, wurde aber bislang kaum untersucht: Durch Recherchen in verschiedenen Archiven konnte mittlerweile eine kleine Sammlung von historischen Meteotsunamis in der Nordsee zusammengetragen werden. Sie werden hier in der Literatur oft als „Seebären“ bezeichnet. Mit dem tierischen Vierbeiner hat diese Bezeichnung nichts zu tun, sie kommt vom norddeutschen „boeren“ = heben. Größere Schäden richten sie zwar selten an, aber auch dies kommt vor. Erforscht sind die Seebären bisher wenig.

Beispiele

Forscher der Universität Kiel fanden bei Recherchen heraus, dass die deutschen Inseln Helgoland, Sylt und Wangerooge sowie Küstenabschnitte in Dänemark, in den Niederlanden, Frankreich und England nahezu zeitgleich am 05. Juni 1858 bei windschwachem Wetter von einer riesigen Welle getroffen wurden. An der dänischen Nordseeküste erreichte die Welle bis zu 6 Meter Höhe. Die Entstehung konnte nicht geklärt werden, das französische Bureau de recherches géologiques et minières (BRGM, Büro für Geologie- und Bergbauforschung) nimmt einen Meteotsunami als Ursache an. Ein unterseeisches Erdbeben, das in Frage kommt, ist bisher nicht bekannt.

Dokumentiert sind Seebären unter anderem am 26.07.1921 in der Ostsee sowie am 19.08.1932, am 05.07.1957 und am 14.06.1964 in der Nordsee. Am 21. Januar 1976 wurde eine schwere Sturmflut auf der Insel Helgoland durch eine Welle erhöht, ebenso am 30. März 2010 im schottischen North Berwick Harbour.

pegel_norderney1Der Seebär vom August 1932 ist sehr gut erfasst mit zahlreichen Augenzeugenberichten und wurde bereits in den „Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie“ im Jahre 1934 ausführlich beschrieben. Damals soll sich mitten über der Nordsee im Bereich der Doggerbank ein Gewitter gebildet haben. Davon ausgehend breiteten sich Wellen in Richtung Küste aus, wo sie bei ablaufendem Wasser vielerorts eine Höhe von 1,00 bis 1,20 Meter erreichte. Besonders gut dokumentiert wurden die Wellen am Pegel Norderney (siehe Foto links).

Dass es auch ganz ohne Gewitter geht, zeigt das Beispiel vom 05. Juli 1957, als eine Welle Strände und Deichvorlande überschwemmte. Am folgenden Tag schrieb das Hamburger Abendblatt: „Rätselhafte Flutwelle – Seltenes Naturschauspiel an der Nordseeküste. Hamburg, 6. Juli. Eine geheimnisvolle Flutwelle brandete gestern bei fast vollkommener Windstille gegen die Nordseeküste. Dabei wurde die Badesandbank vor St. Peter-Ording, die sonst nur bei Sturmfluten unter Wasser gerät, innerhalb weniger Minuten völlig überspült. Strandkörbe, Kleidungsstücke der Badegäste schwammen weg, und zahlreiche auf der Sandbank abgestellte Kraftfahrzeuge nahmen ein unfreiwilliges Bad in der Nordsee. In St. Peter wurden insgesamt drei aufeinanderfolgende Flutwellen beobachtet. Auch auf den Ostfriesischen Inseln Spiekeroog und Langeoog wurde die seltsame Naturerscheinung festgestellt. Das Wasser steig mehr als dreiviertel Meter über Normal. Auf den anderen Ostfriesischen Inseln machte sich die Flutwelle ebenfalls bemerkbar. Glücklicherweise kam keiner der Badegäste an der Nordseeküste zu Schaden.“ Beim Seebären im Juni 1964 wurde auf der Insel Sylt ein Mensch verletzt.

 

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Ursachen

Zu den Ursachen von Meteotsunamis gibt es zahlreiche Erklärungen. Viele Wellen lassen sich durch Gewitter weit draußen auf dem Meer erklären. Abwinde im Bereich des Gewitters oder einer ganzen Front breiten sich auf dem Wasser aus und können solche Wellen hervorrufen. Kurzzeitige Luftdruckschwankungen kommen ebenso vor und lösen selbst bei windschwachem Wetter und ruhiger See manchmal Meteotsunamis aus.

Verstärkung von Sturmfluten

Durch Meteotsunamis können auftretende Sturmfluten lokal noch deutlich erhöht werden. Dieses Phänomen trat zum Beispiel bei der zweiten großen Sturmflut im Januar 1976 auf der Insel Helgoland auf. Damals erhöhte sich der Wasserstand am 21. Januar nur am Pegel der Insel plötzlich deutlich, während dieser zusätzliche Flutscheitel an anderen Orten nicht registriert wurde. Am 30. März 2010 wurde im schottischen Hafen North Berwick eine Sturmflut ebenfalls durch eine weitere Welle deutlich erhöht (siehe Video).

 

2 Kommentare

  1. Thea Keil 20. März 2017

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