Klima, Herr Rahmstorf und heiliger Zorn der Gerechten – und Leben zwischen den Stühlen

Ich bin Jahrzehnte gut durchs Leben gekommen, indem ich mich aus der Klimadiskussion komplett rausgehalten habe – aus gutem Grund. Ein Meteorologe ist kein Klimaforscher und umgekehrt. Man fragt einen Busfahrer auch nicht nach der neuen Airbus-Generation. Es gab zwar immer gutes Geld zu verdienen über Vorträge landauf, landab, in denen man tunlichst erzählte, dass das Ende nahe ist. Damit verdienen selbst heute noch ahnungslose Wettermoderatösen gutes Geld, wenn sie ohne irgendwelche Vorbildung den drohenden Weltuntergang beschreiben, Foto mit dem örtlichen Sparkassendirektor inklusive.

Ich wollte das nicht, auch wenn ich generell popeliger Mainstream bin (und hiermit verabschiede ich mich auch schon wieder von den nach Maischberger neu gewonnenen Fans) und diesen bei Maischberger auch durchaus vertreten habe, mit folgenden Kernpunkten:

  • Man sieht bereits heute einen signifikanten Anstieg von Temperatur und Taupunkt
  • Man sieht noch keine statistisch signifikante Häufung von Starkregen und Starkwinden in Deutschland
  • Man sieht noch keine statistisch signifikante Häufung von Hurrikanen, auch keine Häufung von starken Hurrikanen im Bereich Karibik-USA

Das ist der Stand der Wissenschaft, der relativ unbestritten ist, auch Herr Schellnhuber wollte dem in der Sendung nicht widersprechen (was ihm auch die Missbilligung seiner Kollegen eintrug). Der DWD hat das schon mehrere Male festgestellt, zu den Wirbelstürmen stellvertretend nochmal dieses Papier, wers mag:

https://www.gfdl.noaa.gov/global-warming-and-hurricanes/

Ich habe gegen den Schluss der Sendung auch gesagt, dass ich von der Politik erwarte, dass das Problem des Klimawandels in einer Form adressiert wird, dass mein dreijähriges Kind eine sichere Zukunft auf dem Planeten erwarten darf. Das war auch schon alles, was ich zum Thema gesagt habe. Sachlich bin ich nahe bei Herrn Schellnhuber, aber auf der Beurteilung der Kommunikationsebene genauso beim Kollegen der „Weltwoche“, der in der Sendung feststellte, dass die Sache mit dem Klimawandel „religiöse Züge“ hätte.

Ja, da hatte er recht. Zwar nur da, aber trotzdem. Man sieht es an den Reaktionen auf meinen Auftritt und auf meine wissenschaftlich völlig untermauerte Aussage, dass man den Sturm in Deutschland und die Hurrikane in der Karibik nicht dem Klimawandel zuordnen könne. Und dass ich nicht verstehe, dass permanent Individuen agitiert werden und man sich nicht auf Entscheidungsträger in der Politik konzentriert anstatt zu erwarten, dass Kassierin Pachulke nach einem anstrengenden Tag im Kaufland samt Mindestlohn mit dem Corsa nach Hause fährt und danach noch persönlich das Weltklima rettet, statt sich vor die Glotze zu legen.

Das war aber schon zuviel des Bösen, denn die Hüter der Heiligen Klima-Inquisition (mit denen ich fachlich in weiten Teilen einig bin) bestehen weniger nach Innen, aber in der Kommunikation nach Aussen darauf, dass die Welt eigentlich schon untergegangen ist und haben sich auf folgende unité de doctrine verständigt: Obs zu kalt, zu warm, zu trocken oder zu nass ist: Es immer der menschgemachte Klimawandel.

Meine Häresie bestand also nur darin, wissenschaftlich völlig abgesichert letztere Hypothese für die der Sendung vorangegangenen Stürme in Deutschland und Hurrikane in der Karibik abgelehnt zu haben. Anfangs mag es der Inquisition entgangen sein, dass ich da nicht stromlinienförmig war, dafür war die Reaktion der PäpstInnen etwas später umso aufgeregter:

https://twitter.com/BaerbelHoehn/status/919830409185300480

https://twitter.com/rahmstorf/status/918746098675707904

So viel Aufwand um das bisschen mich – und nochmal, wie ich in der Sendung deutlich machte, bin ich ja in weiten Teilen auf einer Linie mit der Inquisition, die aber – warum auch immer – ganz dringend möchte, dass die Welt schon untergegangen ist – mit dem Ergebnis, dass vielen Menschen das Thema noch mehr schietegal wird als heute schon, weil sie sich denken: Wenn das die Klimakatastrophe ist, bisschen wärmer und so, solls mir recht sein.

So retweetet auch Herr Rahmstorf, der die Hoheit über die Aufgeregtheit zum Thema im Land hat, auch jeden Sturm, jeden Waldbrand, der irgendwo auf der Erde passiert, dabei unwissenschaftlich vortäuschend, dass alle diese Ereignisse  garantiert nicht stattfänden, gäbe es uns nicht auf der Welt. Er schreibt es nicht, aber es ist der vorwurfsvolle Subtext in jedem Tweet über einen kanadischen Waldbrand und alles andere: IHR SEID SCHULD! Rahmstorf wahrscheinlich etwas weniger, weil er ja dagegen ist.

Herr Rahmstorf hat inzwischen nochmal einen Text geschrieben, in dem ich nochmal die Ehre einer persönlichen Erwähnung bekomme. Das ist zwar völlig abseitig, weil ich ja in weiten Teilen mit der Inquisition übereinstimme, aber das wusste die katholische Kirche schon früher: Die, die nur ein bisschen abweichen, sind die Schlimmsten:

https://scilogs.spektrum.de/klimalounge/wo-kachelmann-irrt/

Herausgekommen ist die gute alte Taktik, Dinge zu widerlegen, die ich gar nicht behauptet habe und die Begeisterung bei den Klima-Ratzingers ist gross, Da hat ers diesem Kachelmann aber gezeigt. Ich habe in unserer Firma meinen Kollegen Dr. Roland Schrödner gebeten, der noch ein bisschen näher an Herrn Rahmstorf ist als ich, einen Kommentar zu diesem Text zu schreiben – hier ist er:

Ein Hauptproblem eurer „Kommunikation“ miteinander scheint mir zu sein, dass ihr aneinander vorbei redet. Ich habe nun nicht alle Äußerungen deinerseits dazu gelesen, aber kenne zumindest das Maischberger-Interview, welches explizit erwähnt wird.
1. Da hast du betont, dass man bei Temperatur und Taupunkt (und damit also auch Feuchte!) einen Trend eindeutig sieht. Das ist Rahmstorfs erster Abschnitt, dem du, soweit ich weiß, nicht widersprochen hast. Im Interview ging es auch darum, dass der Durchschnittssommer der Bevölkerung nicht genehm ist, und sich die Wahrnehmung hin zum gewollten Ideal eines überdurschnittlich warmen und sonnigen Sommers verschiebt. Bezogen auf Deutschland bzw. DACH.
2. Du hast dich meines Wissens auf Deutschland und auf die Hurrikane bezogen. 
3. Du hast nur gesagt, dass aus den Messdaten keine gesicherten Informationen zu häufigeren Stürmen (also hohen Windgeschwindigkeiten) gewonnen werden können. Und in ähnlicher Weise zu Extremniederschlägen(?). Das sagt Rahmstorf ja auch. Die Messdaten sind für Extreme nicht ausreichend, weil die numal zu selten sind. Nichts anderes ist von Rahmstorf gemeint, wenn er schreibt, dass fehlende Signifikanz (=man ist sich zu 95% sicher, genau den Test habe ich gemacht) nicht heißt, dass kein Trend da ist. Man kann ihn nur nicht mit einfachen Mitteln vom Zufall unterscheiden. Und schon gar nicht als Boulevardjournalist, der von einem Niederschlagsereignis, was ihm noch nicht untergekommen ist, darauf schließt dass es ein Jahrhundertereignis sein muss (nicht zitierbar, nur meine Meinung :D), worauf ja die Fragen zum Zusammenhang zwischen Extremen in Dtl. in 2017 zum Klimawandel fußen.

Schwächen von Rahmstorfs Text in Bezug auf das, von dem ich weiß, dass du dich dazu geäußert hast:
1. Zusammenfassend müsste der Disput um die Stürme, Hurrikane und Extremniederschläge gehen. Ein Teil von Rahmstorfs Text suggeriert (er schreibt das ja nicht), dass du die Temperaturtrends (bzw. die Tmax-Trends) leugnen würdest oder gar den Klimawandel selbst.
2. Widerlegt er manche Aussagen zu Dtl. von dir mit Argumenten von anderen Teilen der Welt (z.B. Niederschlagsextreme auf dem Balkan). Du wirst ja idR auch nur zu DACH befragt und nicht zu Dürren und Hitzeextremen in Indien oder auf dem Balkan. Da geht die Gegenargumentation ein bisschen am Ziel vorbei. Er könnte mit seinen Methoden uU Ähnliches in Dtl. zeigen. Er hat ja recht mit seinen Beispielen und das globale Bild sieht sehr wahrscheinlich auch so aus. Nur aus der down-to-earth-Perspektive, kann man das eben noch nicht mit Sicherheit sehen. Und darum muss kann man die Frage: „Waren die Stürme und Niederschläge schon der Klimawandeln oder eine niedrigere Wahrnehmungsschwelle (dichteres Messnetz, dichteres und schnelleres Berichterstattungsnetz, etc…)?“ weder mit einem klaren Ja noch einem klaren Nein beantworten. Ich denke, dass das aus deinen Aussagen rauskommt.
3. Während du dich auf Messungen, d.h. auf gesicherte Daten bis einschl. heute, beziehst, kontert Rahmstorf mit Modellaussagen für die Zukunft. Überspitztes Beispiel: Du: „Wir können bisher keinen Trend bei Ereignis A feststellen.“ Rahmstorf: „Eine Studie hat gezeigt, dass Ereignis A in Zukunft häufiger eintreten wird.“ Der Clou: Beides kann gleichzeitig wahr sein. Es hilft aber als Argument nicht weiter.

Fazit: Ich weiß nicht womit du Rahmstorf genau getroffen hast, und wie lange das in der Vergangenheit zurück liegt. Ich denke, dass Leute wie er, die sich schon sehr anstrengen, die Weltgemeinschaft davon zu überzeugen, dass man schnell handeln muss um drohende Gefahren des Klimawandels zu minimieren, sehr von der Trägheit der politischen Prozesse enttäuscht sind. Das kann ich gut verstehen. Da tut ihm sicher jeder Kommentar, der seine konkreten Gegner (also vollkommene Klimawandelleugner) unterstützen mag, sehr weh.
Aussagen zu zukünftigen Wahrscheinlichkeiten sind ja die Basis für politische Entscheidungen von heute. Daher ist es grundsätzlich richtig diese Zukunftsprojektionen auch zu betonen. Ich habe als Wissenschaftler Respekt vor ihm und generell Vertrauen in seine Aussagen. Worüber man streiten können mag, ist eine gewisse Gut-Böse-Rhetorik bei kleinstem Widerspruch. Leider ist es schade, dass man mit Aussagen, dass man Teilaspekte des Klimawandels bisher nicht eindeutig erkennen kann, unter Betonung, dass man den Klimawandel iim Allgemeinen für real und schon in Gang befindlich hält, dennoch in die Klimawandelleugner-Ecke gestellt wird. Allerdings ist das ein Eindruck aus keiner breiten Masse an Äußerungen von ihm. Sicherlich darf man nicht von Dtl. auf die Welt verallgemeinern. Und nur weil man (noch) keinen (gesicherten!) Trend bei bestimmten seltenen Ereignissen feststellen kann, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt. Nichts anderes hast du gesagt, und das eben nur auf aktuelle Ereignisse bezogen, auf Nachfrage zu: „Ist er das oder nicht, der Klimawandel?“.

Zitat Ende.

Mir fiel nach dem Text nur ein: So viel Aufwand für Einen, der es in weiten Teilen genauso sieht. Ich verstehe nur weiterhin nicht, warum es hilfreich sein soll, den sicheren Boden der Wissenschaft zu verlassen und jedes Wetter in Deutschland, das etwas aus dem Rahmen fällt, dem Klimawandel zuzuordnen. Warum es so ein wichtiges Ziel ist, einzelne Menschen bis zum Erbrechen zu agitieren, statt die Politik zu attackieren (und nicht, billig, den Trump, sondern auch und mehr die in Deutschland, der das Thema sowas von egal ist, wie man an vielen Beispielen sehen kann).

Wenn man auf die üblichen Verdächtigen losgeht, die ein leichteres Ziel sind im Moment wie auch ich, kann man sich auf billigen Applaus aus den geschlossenen Reihen der Sturzbetroffenheit verlassen. Das Thema kommt dadurch nicht weiter. Rahmstorf ist Deutscher, das kann er nicht ablegen in seiner selbstgewissen Verbissenheit, den ideologischen Feind vor allem im Ausland zu bekämpfen, selbst wenn er nur in Nuancen abweicht wie ich. Die heilige Inquisition des Klimas macht dadurch einen grossen Fehler, denn die religiöse Absolutheit, mit der die Lehrmeinung vertreten wird und der kollektive Schaum vor dem Mund, wenn man eines leugnenden Verbrechers gewahr wird, der das anders sieht, stösst viele Menschen ab oder kommt ihnen zumindest seltsam vor.

Wie sehr die Sache mit dem Klima zur Religion geworden ist, zeigen die steuergelderfinanzierten Erweckungsseminare, mit denen die unerschrockenen Kämpfer gegen die verlorenen Seelen des Klimatheismus aufmunitioniert werden sollen. Wer den Text unter dem Link gleich durchliest – geladen waren auch die Fernsehmeteorologen der Länder, die bei der Missionierung der mutmasslich menschenfressenden Leugner- und Skeptikerhorden mithelfen sollen. Bitte einmal durchlesen:

https://www.klimafakten.de/meldung/k3-salzburg-eine-bilanz

Da bin ich nun wieder in der unangenehmen Position: Sachlich zu 95% mit den Rahmstörfern dieser Welt einig, aber andererseits findend, dass man es dümmer kaum machen kann, wenn man Menschen von einer richtigen und wichtigen Sache überzeugen möchte. Durch Ausgrenzung, religiöse Überhöhung des eigenen Anliegens und Beharken von Leuten wie mir, die eigentlich auf der „richtigen“ Seite sind, lenkt man von denen ab, die es eigentlich reissen müsste: die Gesetzgeber in der Politik. Denen sind aber im Zweifelsfall Kohleförderung und die Absenz eines Tempolimits immer wichtiger, wer auch immer offizieller Berater der Bundesregierung ist. Und so stürzen sich die Rahmstorfs dieser Welt in ihrem Furor auf die Pachulkes und Tichys, den Einen ist es egal, die Anderen glauben erst gar nicht dran und eigentlich ist es egal: Gebraucht wird für alle wichtigen Dinge eine parlamentarische Mehrheit. Dorthin sollte Herr Rahmstorf seinen heiligen Zorn lenken und die normalen Menschen ein bisschen mehr mit dem Thema in Ruhe lassen. Die Leute wissen das schon, dass das mit dem Klima Mist ist. Aber Deutschland ist keine direkte Demokratie, jemand muss das das Herrn Rahmstorf mal sagen.

Und ich bin wirklich zu unwichtig, als dass Sie sich mit mir befassen sollten, Herr Rahmstorf.

32 Kommentare

  1. Bernd Föllmer 18. November 2017
    • Jörg 19. November 2017
      • SturmLiouville 24. November 2017
    • Christian 26. November 2017
  2. Nemesis 19. November 2017
  3. Frank 19. November 2017
  4. Jens Motsch 19. November 2017
    • Samsonite10 21. November 2017
  5. Stefan Rahmstorf 19. November 2017
    • Christian 26. November 2017
  6. libertador 19. November 2017
  7. Daniel Bachmeier 19. November 2017
    • Chilian 22. November 2017
  8. Hein Blöd 20. November 2017
    • Stephan Fleischhauer 26. November 2017
  9. P Gosselin 20. November 2017
  10. P Gosselin 20. November 2017
  11. P Gosselin 20. November 2017
  12. Michael Krüger 20. November 2017
  13. Jürgen Bucher 20. November 2017
  14. Krishna Gans 21. November 2017
    • Jürgen Bucher 21. November 2017
    • Egbert P 22. November 2017
  15. Michael Krüger 21. November 2017
    • Jürgen Bucher 25. November 2017
  16. Egbert Philipps 21. November 2017
  17. Paul Matthews 21. November 2017
  18. Ralf Hummel 21. November 2017
  19. Thorsten Seifert 23. November 2017
  20. Christian 25. November 2017

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