#Hochwatergate reloaded: Sie lernen es nie oder wollen einfach nicht

Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Nur drei Tage nach dem Desaster, das ARD, SWR und auch schon teilweise der BR am Sonntag durch die Weigerung zur Information der Bevölkerung mitverursacht haben, weigert sich auch am 1. Juni 2016 der  Bayerische Rundfunk irgendetwas im Sinne seines Auftrags zu tun, bis es durch die Mitteilung, es gäbe einen Katastrophenalarm in seinem Beritt nicht mehr anders ging als sich bräsig zu erheben und den Sendebetrieb in Sachen Unwetter aufzunehmen.

Gleich vorneweg, bevor das wieder falsch kolportiert wird: Es geht nicht um „früher warnen“. Örtliche Gewitter kann man nicht früh warnen, man weiss erst, wo sie zerstören können, wenn sie da sind. Es geht an solchen Tagen nur darum, sich zu informieren, wenn ein Gewitter da ist, wo es ist und sich zu informieren, ob es womöglich unwetterträchtig ist. Auch diesmal sind die notwendigen Unwetterwarnungen des DWD raus, der Hochwasser-Nachrichtendienst in Bayern war wach,  nur mindestens zwei schlafen: BR und ARD, die dafür da wären, auf die Leute aufzupassen, die sie bezahlen.

Sie konnten oder wollten wieder nicht, wegen Faulheit, Dummheit und Inkompetenz oder allem zusammen. Der Bayerische Rundfunk leistet sich eine eigene Wetterredaktion. Was sie gestern machte, wird ihr  Geheimnis bleiben. Wenn sie um 9.30 sich etwas bemüht hätte, hätte sie gesehen, dass es in der Nacht im Südosten des Freistaats sehr geregnet hatte:

Regenmenge Bayern bis Mittwochmorgen

Sie hätte auch sehen können, dass es am meisten den Kreis Rottal-Inn erwischt hatte:

Regenmenge Kreis Rottal-Inn bis Mittwochmorgen

Das ist für sich schon mal beunruhigend, aber noch nicht unbedingt eine Katastrophe. Nun kommt es darauf an: Regnet es weiter oder wars das? Auch das keine Frage von meteorologischem Fachwissen, aufs Radar schauen kann eigentlich jeder Depp. Es geht eben nicht um „wer warnt früher“ sondern um: Wer arbeitet irgendwas und wer tut einfach nichts?

Die Wetterredaktion des Bayerischen Rundfunks hätte sehen können, dass es zwischen 8.50 und 9.50 Uhr im problematischen Gebiet nochmal weitergeregnet hat:

Regenmenge Rottal-Inn 1.6. 8.50-9.50 Uhr

Furchtbarerweise intensivierte sich dieser Regen weiter, in der folgenden Stunde gab es nochmal über 30 Liter/qm genau dorthin, wo schon alles übervoll war:

Regenmenge Rottal-Inn 9.50-10.50 Uhr

Genug, um unseren Herrn Thomas Sävert diesen Tweet schreiben zu lassen:

Auch wenn die Wetterredaktion des BR, die ARD und alle möglichen Sendebeamten bis hierher geschlafen hätten, wäre jetzt immer noch etwas Zeit gewesen zu reagieren. Aber es geschah auf allen Kanälen: nichts.

Das blieb auch noch so und es regnete weiter. Um 14 Uhr, mich wundernd, dass es auf sämtlichen Nachrichten-Kanälen immer noch ruhig geblieben war, schrieb ich diesen Tweet:

Wissen Sie was? Es passierte immer noch nichts. Keine Meldung aus der bräsigen Anstalt irgendwo, dass furchtbare Dinge passieren würden. Um 14.45 Uhr schrieb ich das:

Es passierte: nichts. Wahrscheinlich war ja noch Mittagspause. Ich versuchte wenige Minuten später nochmal zu verdeutlichen, was gerade passiert:

Zwei Minuten später wurden dann alle Sender aus dem Dämmerschlaf geweckt. Niemand, auch nicht mit Wetterredaktion (die ARD leistet sich zwei, eine in Frankfurt, die andere in Grünwald – früher gab es wenigstens einen befruchtenden Wettbewerb, heute scheinen sich beide in einer konsensualen Nichtstu-Faulheit eingerichtet zu haben) ausgestattete Sender wie der BR hatte bis dahin irgendwas getan. Aber nun hatte sich eine Behörde gemeldet, man musste was tun, der erste Tweet von BR24 folgte:

Das hat aber leider nun doch nicht gereicht, um 15 Uhr im Fernsehen irgendwas zu unternehmen. Es kamen 100 Sekunden Nachrichten ohne einen Pieps vom Hochwasser, auch nichts Beunruhigendes im Wetterbericht durch die hauseigene Wetterredaktion des Bayerischen Rundfunks.

Nachher, erst geweckt durch die Nachricht einer Behörde, kam die träge Maschinerie in Bewegung. Die Sendebeamten fanden noch lustige Begründungen, warum es im Fernsehen noch bis 16 Uhr ging, bis irgendeine sinnvolle Information kam. Die Begründung eines BR-Beamten, warum der Fernsehzuschauer so lange ahnungslos bleiben sollte, ist bemerkenswert:

Der Bayerische Rundfunk hat bis heute nicht verstanden, was sein Auftrag bedeutet. Wie andere öffentlich-rechtliche Medien denkt er, es sei mit einem summarischen Runterlesen von Unwetterwarnungen ohne genaue Spezifizierung getan, man könne dafür dann sämtliche Arbeit einstellen.  Diese groteske Haltung zeigt dieser Tweet der BR-Pressestelle von Donnerstagvormittag:

Heftiger Starkregen wo? Was bedeutet das? Für wen? Es hat nicht überall stark geregnet, es waren nur wenigste Gebiete betroffen. Wurden die spezifisch erwähnt? Nein. Was bedeutet das für welche Bäche und Flüsse? All das wäre Recherchearbeit, das kann ein Redakteur mit einem Telefon, wenn er will. Es ist, als ob sich ein Sender weigern würde, bei einem fortschreitenden Terroranschlag wie in Paris irgendwas zu tun und zu sagen, wer wo warum in Gefahr ist, weil der Innenminister ja vor Terroranschlag gewarnt und man hätte das auch gesendet, schon vor einer Woche.

In solchen Situationen gelingt es durchaus, dass Redakteure mal ein Telefon in die Hand nehmen und selber recherchieren, um Menschen zu warnen, dass Sie in Gefahr und wo man besser nicht sein sollte. Das wäre am Sonntag und am Mittwoch genau gleich für die Hochwasser-Gebiete gegangen. ARD und BR leisten sich insgesamt drei Wetterredaktionen und Dutzende Redakteure, die das genauso gut machen könnten, denn nochmal zum laut Mitlesen: Es geht nicht darum, früher zu warnen. Es geht darum, zu arbeiten. ARD, SWR und BR haben sich am Sonntag und am Mittwoch systematisch geweigert, zu arbeiten. Womöglich mit den bekannten furchtbaren Folgen.

 

Nachtrag: Vielleicht hilft auch die Lektüre dieses Textes begreiflich zu machen, worum es mir geht:

Text von Übermedien

35 Kommentare

  1. Michael Reinwald 2. Juni 2016
    • Anderer Max 3. Juni 2016
  2. Stefan Dominik 2. Juni 2016
  3. Sven H. 2. Juni 2016
  4. Jens Roth 2. Juni 2016
  5. Anke 2. Juni 2016
  6. Jörg-Fredrik Matthies 2. Juni 2016
    • Jörg 2. Juni 2016
      • Jörg-Fredrik Matthies 2. Juni 2016
  7. Anne 2. Juni 2016
  8. Frank Gieseler 2. Juni 2016
    • Jan 2. Juni 2016
    • Michael 2. Juni 2016
  9. Eric 2. Juni 2016
  10. Daniel 2. Juni 2016
    • Jörg 2. Juni 2016
      • Birgit 2. Juni 2016
        • Jörg 2. Juni 2016
          • Birgit 3. Juni 2016
          • Jörg 3. Juni 2016
        • Anke 3. Juni 2016
  11. Michael 2. Juni 2016
  12. Peter 2. Juni 2016
    • Christian 2. Juni 2016
  13. Dominik Kreuch 2. Juni 2016
  14. Ein Preusse 2. Juni 2016
  15. Robert 2. Juni 2016
    • Anne 3. Juni 2016
  16. Bjorn Rohde 3. Juni 2016
  17. Daniel 3. Juni 2016
  18. Thorsten Ziegler 8. Juni 2016
  19. Jörg Giebeler 15. Juni 2016
  20. wettercafe 17. September 2016

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